
Ich war ein einziges Mal in Straßburg gewesen, im Frühjahr 1927, auf einer Rückreise von Paris nach Wien. Ich hatte im Elsass Station gemacht, um das Münster und in Kolmar den Isenheimer Altar zu sehen. Ich war nur wenige Stunden in Straßburg und hatte nach dem Münster gesucht, plötzlich, es war am späten Nachmittag, stand ich in der Krämergasse davor, das rote Leuchten des Steins an der ungeheuren Westfassade hatte ich nicht erwartet, alle Bilder, die ich zuvor gesehen hatte, waren schwarzweiß gewesen.
Nun, nach sechs Jahren, kam ich wieder nach Straßburg, nicht auf wenige Stunden - auf Wochen, auf einen Monat. […]
Wenn ich mich heute frage, was den Ausschlag für Straßburg gab, so war es […] der Name Straßburg selbst, jener kurze Blick auf das Münster gegen Abend, und alles was ich über Herder, Goethe und Lenz in Straßburg wusste. Ich glaube nicht, dass ich mir das deutlich sagte, so unwiderstehlich wie jenes Abbild des Münsters in mir war wohl nichts, aber mein Gefühl für den Sturm und Drang in der deutschen Literatur war sehr stark und an die Vorstellung jener kurzen Periode in Straßburg gebunden. Diese Literatur war nun, 1933, eben in Gefahr. Was sie damals am meisten ausgezeichnet hatte - ihr Drang nach Freiheit - war bedroht und das war auch der eigentliche Inhalt des Dramas, von dem ich jetzt erfüllt war. Straßburg aber, die Brutstätte von damals, war noch frei. […]
Die Altstadt war nicht groß und wie von selbst fand man sich immer wieder vor der Fassade des Münsters. Es geschah ohne Absicht und war doch, was man sich eigentlich wünschte. Die Figuren an den Portalen zogen mich an, die Propheten und besonders die törichten Jungfrauen. Von den weisen Jungfrauen war ich nicht berührt, ich glaube, es war das Lächeln der törichten, was mich für sie einnahm. In eine von ihnen, die mir die schönste schien, habe ich mich verliebt. Ich bin ihr später in der Stadt begegnet und führte sie vor ihr Abbild, das ich ihr als erster wies. Verwundert betrachtete sie sich in Stein, so hatte der Fremde das Glück, sie in ihrer Stadt zu entdecken und überzeugte sie davon, dass sie lange vor ihrer Geburt dagewesen war, lächelnd am Portal des Münsters, als törichte Jungfrau, die in Wirklichkeit, wie sich zeigte, gar nicht töricht war, es war ihr Lächeln, das den Künstler dazu verführt hatte, sie unter die sieben Linken ins Portal zu reihen. […]
Doch das Eigentliche, was in diesen reichen Wochen geschah, in denen es an Menschen, Gerüchen und Tönen wimmelte, war die Besteigung des Münsters. Sie wiederholte ich täglich, ich ließ sie keinen Tag aus. Nicht bedächtig, nicht geduldig gelangte ich auf die Plattform oben, ich hatte es eilig, ich nahm mir nicht Zeit, atemlos kam ich oben an, ein Tag, der damit nicht begann, war für mich kein Tag und die Zählung der Tage bestimmte sich nach diesen Aufenthalten oben. So war ich mehr Tage in Straßburg, als der Monat zählte, denn manchmal gelang es, trotz allem, was es zu hören gab, auch am Nachmittag wieder auf den Turm zu verschwinden. Ich beneidete den Mann, der seine Wohnung oben hatte, denn für den weiten Weg auf die Schnecken hinauf hatte er einen Vorsprung. Ich war dem Blick auf die rätselhaften Dächer der Stadt verfallen, aber auch jedem Stein, den ich beim Hinaufsteigen streifte. Ich sah Vogesen und Schwarzwald zusammen und täuschte mich nicht über das, was sie in diesem Jahr schied. Ich war noch von dem Krieg bedrückt, der vor fünfzehn Jahren geendet hatte und fühlte, dass wenige Jahre mich vom nächsten trennten.
Ich ging in den vollendeten Turm hinüber, da stand ich in wenigen Schritten vor der Tafel, in der Goethe und Lenz mit ihren Freunden ihren Namen eingeschrieben hatten. Ich dachte an Goethe, wie er hier oben Lenz erwartete, der es knapp vorher in einem glückseligen Brief Caroline Herder vermeldete: »Ich kann nicht mehr schreiben, Goethe ist bei mir und wartet mein schon eine halbe Stunde auf dem hohen Münsterthurm.«
Elias CANETTI (1905-1994), Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931-1937, Carl Hanser Verlag, S. 59-61

Das erste, was mir an Brecht auffiel, war die Verkleidung. Ich wurde mittags zu Schlichter geführt, das Restaurant, in dem das intellektuelle Berlin verkehrte. Da kamen besonders viele Schauspieler hin, dieser und jener wurden einem gezeigt, man erkannte sie auf der Stelle, durch die Illustrierten gehörten sie zum Bild, das man sich von öffentlichen Dingen machte. Es ist aber zu sagen, dass an ihrer Erscheinung, an Begrüßungen und Bestellungen, an Herunterschlingen, Schlucken, Zahlen, nicht übermäßig viel Theater war. Es war ein buntes Bild, aber ohne die Buntheit der Bühne. Der einzige, der mir unter allen auffiel, und zwar wegen seiner proletarischen Verkleidung, war Brecht. Er war sehr hager, er hatte ein hungriges Gesicht, das durch die Mütze etwas schief wirkte, seine Worte kamen hölzern und abgehackt, unter seinem Blick fühlte man sich wie ein Wertgegenstand, der keiner war, und er, der Pfandleiher, mit seinen stechenden schwarzen Augen, schätzte einen ab. Er sagte wenig, über das Ergebnis der Schätzung erfuhr man nichts. Unglaublich schien es, dass er erst dreißig war, er sah nicht aus, als wäre er früh gealtert, sondern als wäre er immer alt gewesen.
Die Vorstellung eines alten Pfandleihers hat mich in jenen Wochen nicht losgelassen. Sie verfolgte mich schon darum, weil sie so widersinnig schien. Sie wurde dadurch gespeist, dass Brecht nichts so hochhielt wie Nützlichkeit und auf jede Weise merken ließ, wie sehr er “hohe” Gesinnungen verachtete. Er meinte eine praktische, handfeste Nützlichkeit und hatte darin etwas Angelsächsisches, in der amerikanischen Spielform. Der Kult des Amerikanischen hatte damals Wurzeln geschlagen, besonders bei den Künstlern der Linken. An Lichtreklamen und Autos tat es Berlin New York gleich. Für nichts verriet Brecht soviel Zärtlichkeit wie für sein Auto. Die Bücher Upton Sinclairs, die Missstände aufdeckten, hatten eine zwiespältige Wirkung. Wohl teilte man die Gesinnung, die diese Missstände geißelte, aber das amerikanische Lebenssubstrat, aus dem auch sie hervorwuchsen, nahm man zu gleicher Zeit als Nahrung in sich auf […]. Es traf sich auch, dass Chaplin damals in Hollywood war, und seinem Erfolg, selbst in dieser Atmosphäre, konnte man mit gutem Gewissen applaudieren.
Zu den Widersprüchen in der Erscheinung Brechts gehörte, dass er in seinem Aussehen auch etwas Asketisches hatte. Der Hunger konnte auch als Fasten erscheinen, als enthalte er sich mit Absicht der Dinge, die Gegenstand seiner Gier waren. Ein Genießer war er nicht, er fand im Augenblick nicht Genüge und breitete sich in ihm nicht aus. Was er sich holte (und er holte sich von rechts nach links, von hinten und vorn zusammen, was ihm dienlich sein konnte), musste er sogleich verwenden, es war sein Rohmaterial und er produzierte damit unaufhörlich. So war er einer, der immer etwas fabrizierte, und das war das Eigentliche, worauf er aus war.
Elias CANETTI (1905-1994), Die Fackel im Ohr, 1980. Autobiographie.
Rilke war schwer zu erreichen. Er hatte kein Haus, keine Adresse, wo man ihn suchen konnte, kein Heim, keine ständige Wohnung, kein Amt. Immer war er am Wege durch die Welt, und niemand, nicht einmal er selbst, wusste im Voraus, wohin er sich wenden würde. Für seine unermesslich sensible und druckempfindliche Seele war jeder starre Entschluss, jedes Planen und jede Ankündigung schon Beschwerung. So ergab es sich immer nur durch Zufall, wenn man ihm begegnete. Man stand in einer italienischen Galerie und spürte, ohne recht gewahr zu werden, von wem es kam, ein leises, freundliches Lächeln einem entgegen. Dann erst erkannte man seine blauen Augen, die, wenn sie einen anblickten, seine an sich eigentlich unauffälligen Züge mit ihrem inneren Licht beseelten. Aber gerade diese Unauffälligkeit war das tiefste Geheimnis seines Wesens. Tausende Menschen mögen vorübergegangen sein an diesem jungen Manne mit dem leicht melancholisch niederhängenden, blonden Schnurrbart und den durch keine Linie besonders bemerkenswerten, ein wenig slawischen Gesichtsformen, ohne zu ahnen, dass dies ein Dichter und einer der größten unseres Jahrhunderts war; seine Besonderheit wurde erst in näherem Umgang offenbar: die ungemeine Verhaltenheit seines Wesens. Er hatte eine unbeschreibbar leise Art des Kommens, des Sprechens. Wenn er in ein Zimmer eintrat, wo eine Gesellschaft versammelt war, geschah es dermaßen lautlos, dass kaum jemand ihn bemerkte. Still lauschend saß er dann, hob manchmal unwillkürlich die Stirn, sobald ihn etwas zu beschäftigen schien, und wenn er selbst zu sprechen begann, so immer ohne jede Affektation oder heftige Betonung. Er erzählte natürlich und einfach, wie eine Mutter ihrem Kind ein Märchen erzählt und genauso liebevoll; es war wunderbar, ihm zuzuhören, wie bildhaft und bedeutend auch das gleichgültigste Thema sich ihm formte. Aber kaum spürte er, dass er in einem größeren Kreise der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wurde, brach er ab und senkte sich wieder in sein schweigsames, aufmerksames Lauschen zurück.
Stefan ZWEIG (1881-1942), Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers, 1942.
Porträt Rainer Maria Rilkes durch Hellmuth Wethoff (1901)
«Mein Sohn ist Jude und Pole. Wie wird er in Ihrer Schule behandelt werden?» – fragte meine Mutter den Direktor des Fichte-Gymnasiums in Berlin-Wilmersdorf. Es war 1935. Übrigens hatte sie ein wenig übertrieben. Denn obwohl in einer polnischen Stadt geboren (in deren unmittelbarer Nachbarschaft bis zum Ende des Ersten Weltkriegs die Grenze des Deutschen Reichs verlief), hielt ich mich, der ich als kleines Kind nach Berlin gekommen war, zwar natürlich für einen Juden, doch keineswegs für einen Polen, ja eher schon für einen Berliner. Aber ich war polnischer Staatsangehöriger, also ein Fremdling und Außenseiter in doppelter Hinsicht.
Indes hatte meine Mutter mit ihrer provozierenden Frage erreicht, was sie erreichen wollte: Der Direktor versicherte überaus höflich, ihre Befürchtungen seien ihm unbegreiflich. In einer deutschen, einer preußischen Schule sei Gerechtigkeit oberstes Prinzip. Dass ein Schüler seiner Herkunft wegen benachteiligt oder gar schikaniert werde, sei am Fichte-Gymnasium undenkbar. Die Schule habe ihre Tradition.
Über dieses Gespräch berichtete meine Mutter am Mittagstisch mit unverkennbarer Genugtuung: Es hatte sich wieder einmal erwiesen, woran sie nach wie vor zu glauben entschlossen war – dass in Deutschland, den Tatsachen zum Trotz, wackere Männer dafür sorgten, dass Recht und Ordnung nicht überall mit Füßen getreten wurden.
Als ich nach den Osterferien, inzwischen Untersekundaner geworden, zum ersten Mal das Gebäude des Fichte- Gymnasiums in der Emser-Straße betrat, war der Direktor, der meiner Mutter so gefallen hatte, nicht mehr zu sehen. Man munkelte von Zwangspensionierung. Sein Nachfolger hieß Heiniger. An nationalen Feiertagen erschien er in (verhältnismäßig) eleganter brauner Uniform mit viel Gold. Er war ein «Goldfasan» – so nannte man die höheren Funktionäre der N.S.D.A.P. […]
Ich hatte, wie sich in den nächsten Jahren herausstellte, viel Glück, denn auch am Fichte-Gymnasium verhielten sich die Lehrer, ob sie Nazis waren oder nicht, den Juden gegenüber alles in allem anständig und korrekt. Da jede Unterrichtsstunde mit den Worten „Heil Hitler“ zu beginnen hatte, wussten wir sofort, kaum dass ein neuer Lehrer die Klasse betreten hatte, wes Geistes Kind er war. Der Gruß verriet es.
Denn die einen grüßten stramm und zackig; die anderen eher leise und nachlässig. Wenn man aber beinahe alle Lehrer, mit denen ich zu tun hatte, in zwei große Gruppen einteilen kann, so meine ich damit nicht etwa die Nazis und die Nicht-Nazis. Nein die Trennungslinie ist auf einer anderen Ebene zu suchen: die einen waren ordentliche pflichtbewusste Beamte – nicht mehr und nicht weniger. Ob sie Latein unterrichteten oder Mathematik, Deutsch oder Geschichte, es war ohne Bedeutung. Sie kamen in der Regel gut präpariert in die Stunde und erledigten das vorgeschriebene Pensum. Wenn sie uns Schüler nicht ärgerten oder überforderten, benahmen auch wir uns korrekt. Auf beiden Seiten dominierte eher Gleichgültigkeit.
Die anderen Lehrer waren ebenfalls nicht unbedingt passionierte Pädagogen. Trotzdem fühlte man bei ihnen eine starke Leidenschaft. In ihrer Jugend hatten sie wohl von einem ganz anderen Beruf geträumt: sie wollten Wissenschaftler oder Schriftsteller werden, Musiker oder Maler. Es war nichts daraus geworden, aus welchen Gründen auch immer. So waren sie schließlich im Schuldienst gelandet oder steckengeblieben, aber sie hörten nicht auf, die Musik oder die Literatur zu lieben, sie sehnten sich nach der Kunst oder der Wissenschaft, sie bewunderten den französischen Geist oder die englische Mentalität. Daraus eben, aus dieser Liebe, aus dieser Sehnsucht und Bewunderung schöpften sie, die sich täglich mit Kindern und Halbwüchsigen mühen mussten, die Kraft, ihre Bitterkeit zu verdrängen und ihre Resignation zu überwinden. Gewiss, sie waren nicht immer sorgfältig vorbereitet und sie hatten auch keine Bedenken, gelegentlich vom offiziell vorgeschriebenen Lehrstoff abzuweichen. Meist waren wir ihnen dafür dankbar, denn was sie uns gleichsam am Rande des Unterrichts erzählten, war nicht langweilig und regte unsere Phantasie an.